Keitaro Kojima

 

Mein Filmfestival

Innere Standhaftigkeit

Im Nachhinein war der vorletzte Tag des Filmfestivals mein bester Tag, an dem ich einem besonderen japanischen Film begegnete: „Renoir“ von Chie Hayakawa. Leidenschaft, Anstrengung, Hingabe, Sehnsucht, Gleichgültigkeit, ungestüme Energie – all das, was wir vielleicht alle einmal in unserer Kindheit hatten, hat der Film mir wieder in Erinnerung gerufen. Die Kindheit ist für mich jene Phase, in der man herausfindet, was man liebt und wonach man sich sehnt – ein Prozess, in dem man Schritt für Schritt entdeckt, was man wirklich will. Wenn ein Mensch etwas findet, für das er brennen kann, verliert er leicht alles um sich herum aus dem Blick. Vielleicht ist genau das in Ordnung. Das denke ich zumindest, als jemand, der in einer digitalen Welt lebt, in der man auf alles achten muss und ständig wachsam sein soll. Später in diesem Text komme ich auf den wunderbaren Film „Renoir“ zurück. Zunächst möchte ein wenig über die Rolle des Films in meinem Heimatland Japan berichten.

Filme sind in Japan "Könige des Vergnügens" 

Da Filme die Fähigkeit haben, Menschen zum Nachdenken zu bringen oder Menschen zu erfreuen, wurden Filme im Jahr 1958 in Japan als „Könige des Vergnügens“ bezeichnet. Im gleichen Jahr gab es in Japan die höchste Anzahl der Besucherinnen und Besucher im Kino, nämlich rund 1,13 Milliarden Menschen in landesweit 7000 Kinos. In den 1960er-Jahren verbreitete sich hingegen der Fernseher rasant, und zugleich sank die Zahl der Besucherinnen und Besucher im Kino auf etwa ein Drittel der Zahl von 1958. Die Anzahl der Kinos ging dementsprechend nach und nach zurück, und 2013 gab es nur noch rund 600 Kinos in Japan. Zusätzlich haben in dieser digitalisierten Gesellschaft Abonnements beispielsweise von Netflix und Amazon Prime entscheidend an Bedeutung gewonnen. Inzwischen hat Netflix 301,6 Millionen Haushalte als Kunden, wie dieses Jahr die „Tagesschau“ vermeldet hat. Ein Abonnement ermöglicht es Kundinnen und Kunden, ohne großen Aufwand nicht nur muttersprachliche Filme zu schauen, sondern auch zahlreiche internationale Filme zu entdecken.

Welche Rolle spielt ein Filmfestival in unserer digitalisierten Welt?  

Festivalleiter Dr. Sascha Keilholz im Gespräch mit Studierenden des Internationalen Studienzentrums

In dieser modernen Welt, in der man jederzeit an jedem Ort Filme genießen kann, findet einmal im Jahr das „Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg“ (IFFMH) statt. Wie uns der Leiter des Festivals, Dr. Sascha Keilholz, in einem Gespräch erzählt hat, muss er zur Vorbereitung eines Festivals über das Jahr hinweg rund 500 Filme ansehen und schließlich gemeinsam mit seinem Team rund 70 Filme für das Festival auswählen. Eine weitere Herausforderung seien die hohen Kosten, etwa für die Miete der Kinos bzw. der Leinwände. Hier stellt sich die Frage, warum das Filmfestival trotz der oben genannten Hürden stattfindet und welche Rolle es spielt. In diesem Text würde ich gerne die Relevanz des Filmfestivals dadurch herausfinden, dass ich auf die Atmosphäre des diesjährigen Filmfestivals eingehe, auf die Filme, die ich schaute, meinen Lieblingsfilme und eine Überraschung.

Das IFFMH - ein fester Termin im Jahreskalender  

Am ersten Tag des Filmfestivals machte ich mich auf den Weg nach Mannheim, um an der „Opening Night“ teilzunehmen. Als ich im Zug war, bemerkte ich ein paar Leute, die mit lächelnden Gesichtern über das Filmfestival sprachen. Unter ihnen war eine Frau, die aus Tübingen für das Festival angereist war. Das Festival sei im November für sie ihre feste Gewohnheit, auf die sie sich freue. Als ich im Kino ankam, herrschte eine spürbare Unruhe. Sekt trinkende Besucherinnen und Besucher saßen im großen Saal des Cineplex, während sie sich mit anderen austauschten. Daraus wurde deutlich, dass das Festival Möglichkeiten bietet, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen und neue Freundschaften zu knüpfen.

Während des Festivals konnte ich insgesamt sieben Filme sehen, die ich Ihnen hier vorstellen möchte.

Meine Filme 

Inside Amir

Der Film erzählt die Geschichte eines Mannes, der seine Heimat Iran verlassen und seiner Freundin nach Italien folgen möchte, aber noch Bedenken hat. Soll er seine Heimat verlassen oder bleiben? Besonders beeindruckend waren die Szenen, in denen die Hauptfigur Amir auf den Straßen Teherans Fahrrad fährt. Für ihn ist das Fahrradfahren anscheinend eine relevante Handlung, die ihn erleichtern kann oder einen Raum schafft, der die Erinnerungen an seine Freundin wieder wachruft.

Do You Love Me

„Do You Love Me” ist ein Dokumentarfilm von Lana Daher. Der Film rekonstruiert mithilfe von Archivmaterial das Lebensgefühl in Beirut in den Siebzigerjahren – darunter Filme, Homevideos, Fotographien und Fernsehbeiträge. Der Film zeigt nicht nur Krieg und Zerstörung, sondern auch Freude, Musik, Hoffnung und das alltägliche Leben. Ich erinnere mich an einen Abschnitt, wo ein Baby hochgehoben und über den Kopf gehalten wird. Er zeigte, dass die Liebe einer Familie zu jeder Zeit und überall existiert.

Traffic

„Traffic“ war der einzige Krimifilm ist, den ich beim Festival schaute. Die Hauptfigur ist ein Mann, der mehr Geld verdienen muss, um den Unterhalt seiner Familie leisten zu können. Obwohl er nicht auf kriminelle Weise Geld verdienen will, wird er dazu angehalten, an einer Straftat teilzunehmen, nämlich Gemälde aus einem bekannten Museum zu stehlen. Nach dem erfolgreichen Diebstahl sieht er sich Schwierigkeiten gegenüber, die mit Geld zu tun haben, was schließlich zum Zerfall der Familie führt. Wie man seinen Lebensunterhalt verdienen möchte, sollte man gut überdenken, sonst entsteht ein Widerspruch zwischen dem eigentlichen Ziel und den Mitteln. Am Ende verbrennt die Mutter des Protagonisten die wertvollen Gemälde, um zu beweisen, dass er unter falscher Anklage steht, obwohl sie seine Tat kennt. Die Liebe ist der Tatsache überlegen.

Nino

In „Nino“ geht es um einen schüchternen Mann, bei dem plötzlich Halskrebs diagnostiziert wird. Da er für die ärztliche Behandlung bestimmte Medikamente einnehmen muss, überlegt er seine Zukunft und findet heraus, dass er echte Freunde hat und was Liebe bedeutet. Wenn ich nahe am Tod wäre, was würde ich machen? Wie könnte ich lächeln? Dieser Film stellte mir relevante Fragen.

Noviembre

Der Film „Noviembre“ thematisiert die dramatischen Ereignisse rund um den Angriff auf den Justizpalast in Kolumbien 1985. Er besteht aus einer Kombination aus dokumentarischen Aufnahmen und dramatischer Erzählung, wodurch Gewalt, Fakten und politische Spannungen sichtbar gemacht werden können.

What Does That Nature Say to You

In „What Does That Nature Say to You” von Hong Sangsoo aus dem Jahr 2025. Im Film ist begleitet der Protagonist Donghwa seine Freundin zu ihren Eltern. Dort lernt er erstmals ihren Vater, ihre Mutter und ihre Schwester kennen und verhält sich zunächst anständig. Im Laufe der Zeit tritt jedoch sein wahrer Charakter immer deutlicher zutage. Während ich den Film schaute, hatte ich Gefühle, dass ich gerade keinen Film schaue, sondern lockeren Dialogen zwischen Menschen auf der Straße lausche, die einen unverwechselbaren Rhythmus haben. Menschen haben gegenüber anderen stets bestimmte Vorstellungen und Erwartungen. Weicht die Realität auch nur ein wenig davon ab, fühlt man sich schnell enttäuscht oder sogar verraten. Der Charakter und das wahre Wesen eines Menschen werden erst sichtbar, wenn man wirklich mit ihm spricht und in die Tiefe geht. Vielleicht trägt der Film deshalb den Titel „What Does the Nature Say to You“ . Die Frage richtet sich auf das innere Wesen, das sich erst im echten Gespräch offenbart. 

"What Does That Nature Say To You"

Mein Lieblingsfilm: Renoir 

Wie ich bereits zu Beginn meines Berichts erzählt habe, hat mich der japanische Film „Renoir“ stark berührt, vor allem durch seine stille, aber tiefgreifende Darstellung menschlicher Emotionen.

Es geht in dem Film um zwischenmenschliche Beziehungen und um Liebe, die durch den Abschied von Menschen erfahren wird. Die Hauptfigur Fuki ist eine 11-jährige Schülerin, die geheimnisvollen neuen Dingen begegnet, die ihre Neugier wecken. Inzwischen muss sie den Tod ihres Vaters, den Weggang ihrer besten Freundin und die Gereiztheit ihrer Mutter verkraften. Auffällig ist, wie das Mädchen darauf reagiert. Sie beachtet kaum etwas um sich herum und widmet sich ganz dem, worin sie vertieft ist. Gleichzeitig scheint sie jedoch auch auf der Suche nach menschlicher Nähe zu sein. So nutzt sie zum eine Art Dating- App, oder sie beginnt plötzlich mit Fremden zu tanzen. Außerdem schaut sie ihrem Gegenüber oft intensiv ins Gesicht. In solchen Momenten wirkt ihr Blick fast so, als würde sie in das Innere eines Menschen hineinsehen, was mitunter etwas unheimlich wirkt. Dennoch habe ich den Eindruck, dass dies vielleicht ihre eigene Art ist, sich anderen zu nähern.

Eine stille, aber tiefgreifende Darstellung menschlicher Emotionen 

Besonders beeindruckend fand ich an „Renoir“, wie Fuki mit Verlust und Hoffnung umgeht. Ihre Gefühle werden nicht ausdrücklich erklärt, sondern vielmehr durch Blicke, Pausen und symbolische Bilder vermittelt. Dadurch wird der Zuschauer eingeladen, selbst über die dargestellten Erfahrungen nachzudenken und eine persönliche Verbindung zur Geschichte aufzubauen.

Wir sollten unsere Gefühle beim Sehen eines Films mit den anderen teilen 

Was mich erstaunte, war die unterschiedliche Art und Weise, wie man in Deutschland und in Japan Filme im Kino genießt. Für mich waren Alkohol trinken, Diskussionen während des Films oder Reden unvorstellbar. Aus meiner japanisch geprägten Perspektive sollte das Kino leise sein, um keinen Inhalt zu verpassen oder die Atmosphäre nicht zu zerstören. In Deutschland dagegen sind anscheinend die genannten Verhaltensweisen nicht verpönt. Meiner Auffassung nach könnte das Kino deshalb für Deutsche ein Ort sein, an dem sich ohne Anstrengung lockere Diskussionen führen lassen. Zugleich halte ich es dafür entscheidend, dass man seine Emotion nicht unterdrückt und die beim Sehen eines Films entstehenden Gefühle mit anderen Zuschauerinnen und Zuschauern teilt, wodurch die Anziehungskraft der Filme sichtbar gemacht wird.

Auch im digitalen Zeitalter spielt das Kino eine unverzichtbare Rolle

Abschließend zeigt das Filmfestival Mannheim und Heidelberg, dass Kino auch im digitalen Zeitalter eine unverzichtbare Rolle spielt. Es schafft Räume für Begegnung, Reflexion und emotionale Teilhabe. Gerade durch gemeinsames Erleben, kulturellen Austausch und persönliche Eindrücke entfalten Filme eine Tiefe, die Streaming allein nicht ersetzen kann.

 
Über mich

Ich bin Keitaro aus Japan. Seit einem Jahr studiere ich in Heidelberg Germanistik im Kulturvergleich als Austauschstudent. Meine Lieblingsserie ist „Stranger Things“ auf Netflix. Da die neue Staffel der Serie vor Kurzem erschienen ist, habe ich sie innerhalb einer Woche von Anfang an bis zur vierten Staffel durchgeschaut.