Yanzu Wu

 

Mein Filmfestival

Formen von Familie

74. IFFMH: Kino als bewusste Erfahrung 

Wann und wie oft gehen Menschen eigentlich ins Kino? Für viele ist der Kinobesuch heute ein Mittel zum Zweck: ein Date, eine Beschäftigung für Kinder oder einfach der Wunsch nach Popcorn. Während des Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg (IFFMH), das von 06.11. 2025 bis zum 16.11.2025 stattfand, verschob sich dieser Fokus jedoch deutlich. In Mannheim und Heidelberg wurden in zahlreichen Kinos über 70 Filme aus aller Welt gezeigt, und die Städte waren spürbar belebt. In dieser Zeit wurde das Kino wieder zu dem, was es ursprünglich war: ein Ort, an dem man bewusst Filme sieht- nicht aus einem Nebengrund, sondern um des Films willen.

Hintergrund: Ein besonderer Unterricht

Der Ausgangspunkt meiner Teilnahme war ein Seminar am Internationalen Studienzentrum der Universität Heidelberg, dessen Konzept ungewöhnlich und gerade deshalb besonders reizvoll war: „Lass uns gemeinsam Filme schauen!” Ein solcher Kurs ist keineswegs selbstverständlich. Schon im Vorfeld hatte ich gehört, dass es sich um eine inspirierende und zugleich aufregende Lehrveranstaltung handeln sollte, weshalb ich mich sehr auf die Teilnahme freute. Da ich bislang nur wenige westliche Filme gesehen hatte, nahm ich mir vor, das Filmfestival als Gelegenheit zu nutzen, meinen filmischen Horizont zu erweitern und möglichst viele unterschiedliche Werke kennenzulernen.

Als Austauschstudentin bedeutet der Studienalltag für mich nicht nur akademisches Lernen, sondern auch die Auseinandersetzung mit neuen kulturellen Eindrücken

Darüber hinaus verband sich meine Teilnahme am Filmfestival mit einer persönlichen Motivation. Als Austauschstudentin in einem fremden Land bedeutete der Studienalltag nicht nur akademisches Lernen, sondern auch die kontinuierliche Auseinandersetzung mit neuen kulturellen Eindrücken. Filme bieten in diesem Zusammenhang einen besonders niederschwelligen Zugang zur Gesellschaft des Gastlandes, da sie alltägliche Lebensrealitäten, soziale Beziehungen und unausgesprochene Normen sichtbar machen.

Gerade weil mir westliche Filme zuvor weniger vertraut waren, empfand ich das Festival als Chance, Sehgewohnheiten zu hinterfragen und den eigenen Blick zu erweitern. Die bewusste Entscheidung, mehrere Filme in kurzer Zeit zu sehen, unterschied sich deutlich von meinem bisherigen Filmkonsum und erforderte eine aktivere, konzentriertere Form der Rezeption. Dadurch wurde mir früh klar, dass dieses Seminar weit über eine reine Freizeitaktivität hinausging und vielmehr einen wichtigen Bestandteil meines interkulturellen Lernprozesses darstellte.

Sieben Filme: vielfältige Perspektiven 

Im Laufe des Filmfestivals sah ich insgesamt sieben Filme: Inside Amir (Iran 2025), Follies (Kanada 2025), Once Upon a Time in Gaza (Palästina, Deutschland, Portugal, Frankreich 2025), What Does That Nature Say to You (Korea 2025), Ein Kuchen für den Präsidenten (Irak, USA, Katar 2025), Rental Family (USA, Japan 2025) und The Summer Book (Finnland, Großbritannien 2024). 

In meinen Filmen zeichnete sich ein gemeinsames Thema ab: Familie 

What Does That Natur Say to You
Meine Auswahl folgte keinem festen Kriterienkatalog. Manche Filme wählte ich aufgrund ihres Titels, andere aufgrund von Plakaten, Standbildern oder Trailern. Erst im Verlauf des Festivals bemerkte ich, dass sich – wenn auch nicht in allen, so doch in mehreren Filmen - ein gemeinsames Thema abzeichnete: Familie. Diese wiederkehrende Auseinandersetzung mit familiären Beziehungen und Bindungen gab schließlich auch den Ausschlag für den Titel dieses Berichts.

Besonders gut gefielen mir What Does That Nature Say to You und Rental Family. Die starke Reaktion des Publikums, der langanhaltende Applaus und die hörbaren Begeisterungsrufe bestätigten meinen Eindruck. Im Gegensatz dazu empfand ich Once Upon a Time in Gaza als eher schwer zugänglich, da Erzählweise und Bildsprache stellenweise sehr abstrakt wirkten.

Mein Lieblingsfilm: Rental Family 

Der Film, der mich am nachhaltigsten beeindruckte, war Rental Family. Die Produktion aus dem Jahr 2025 entstand in Zusammenarbeit zwischen den USA und Japan und wurde von der japanischen Regisseurin HIKARI inszeniert. In der Hauptrolle ist der Oscar-prämierte Schauspieler Brendan Fraser zu sehen, ergänzt durch Darsteller*innen wie Mari Yamamoto, Takehiro Hira und Shannon Mahina Gorman.

Eine Agentur vermittelt "echtes Leben" 

Die Handlung dreht sich um den in Tokio lebenden amerikanischen Schauspieler Phillip Vanderploeg, dessen berufliche und private Situation alles andere als stabil ist. Eines Tages erhält er ein ungewöhnliches Jobangebot: Er arbeitet fortan für eine Agentur, die Schauspieler vermittelt, um im Alltag „echtes Leben” zu inszenieren. Philip übernimmt je nach Bedarf Rollen als Ehemann, Sohn oder Bruder. Als er schließlich den Vater der kleinen Mia spielt, beginnt er nicht nur ihr Leben, sondern auch sein eigenes grundlegend zu hinterfragen. 

Mia (Shannon Mahina Gorman) und Phillip (Brendan Fraser) in "Rental Family"

Rental Family setzt auf kleine Gesten 

Neben der ungewöhnlichen Ausgangssituation überzeugte der Film auch durch seine ruhige, zurückhaltende Inszenierung. Statt dramatischer Zuspitzungen oder überzeichneter Emotionen setzt Rental Family auf kleine Gesten, Blicke und alltägliche Situationen. Gerade diese Reduktion verstärkt die emotionale Wirkung und ermöglicht es dem Publikum, sich intensiv in die Figuren hineinzuversetzen.

Auffällig ist zudem der Kontrast zwischen der professionellen Rolle, die Philip übernimmt, und seinen eigenen inneren Konflikten. Obwohl seine Beziehung zu Mia zunächst klar, als Teil eines bezahlten Auftrags definiert ist, verschwimmen im Verlauf der Handlung zunehmend die Grenzen zwischen Arbeit und persönlicher Bindung. Diese Ambivalenz wird vom Film nicht eindeutig aufgelöst, sondern bewusst offengelassen, wodurch Raum für individuelle Interpretation entsteht. 

"Echte" oder "unechte" Familie? - Entscheidend ist das Gefühl von Verlässlichkeit und Zuwendung 

Besonders wirkungsvoll ist die Darstellung der kindlichen Perspektive. Aus der Sicht von Mais erscheint die Frage nach „echter” oder „unechter” Familie zweitranging; entscheidend ist vielmehr das Gefühl von Verlässlichkeit und Zuwendung. Der Film legt damit nahe, dass Familie weniger durch biologische Zugehörigkeit als durch gelebte Beziehung definiert wird. Diese Sichtweise verleiht dem Film eine stille, aber nachhaltige gesellschaftliche Relevanz.

Zentrales Thema des Films ist – wie auch im Festivalprogramm beschrieben - die Frage nach menschlicher Verbundenheit. Was ist echt, was ist gespielt? Wo verläuft die Grenze zwischen professioneller Rolle und emotionaler Bindung? Der Film zwingt das Publikum dazu, dass Fragen auf sich selbst zu beziehen.

Während ich ambivalente, bewusst offene Filme durchaus schätze, bevorzuge ich persönlich Werke mit einer klareren Erzählstruktur und einem guten erzählerischen Tempo. Rental Family traf diesen Geschmack genau. Besonders bemerkenswert war die Leistung der jungen Schauspielerin Shannon Mahina Gorman, für die es die erste Filmrolle war. Ihre natürliche, beinahe schüchterne Präsenz verlieh der Beziehung zwischen ihr und dem „gemieteten Vater” eine Authentizität, die gerade deshalb überzeugte, weil keine biologische Verwandtschaft bestand.

Mehr als nur Filmprojektionen 

Neben den Filmen selbst hinterließ auch die Atmosphäre des Festivals einen starken Eindruck. Unabhängig von Uhrzeit oder Spielort waren die Kinos gut besucht, und Menschen aller Altersgruppen kamen zusammen. Diese lebendige, fast festliche Stimmung machte deutlich, welche gesellschaftliche Bedeutung Filmfestivals haben können.

Gleichzeitig gab es auch irritierende Momente. In Japan gilt es als selbstverständlich, während der Vorführung absolut ruhig zu sein; selbst darauf wird in den Werbespots vor Filmbeginn hingewiesen. In Deutschland hingegen ist es offenbar üblicher, sich leise mit der Sitznachbarin oder Sitznachbarn zu unterhalten, was ich teilweise als störend empfand.

Darüber hinaus wurde mir im Verlauf des Festivals bewusst, wie unterschiedlich der Kinoraum als sozialer Ort in verschiedenen Kulturen wahrgenommen wird. Während der Kinosaal in Japan eher als ein Ort der Konzentration und stillen Rezeption verstanden wird, scheint er in Deutschland stärker als sozialer Raum zu fungieren, in dem leise Gespräche oder spontane Reaktionen akzeptiert sind. Diese Unterschiede führten bei mir zunächst zu Irritation, regten jedoch zugleich zur Reflexion über kulturell geprägte Sehgewohnheiten an.

Hier wird Film nicht nur konsumiert, sonden als kulturelles und gesellschaftliches Ausdrucksmittel ernst genommen 

Auch die Gespräche nach den Vorführungen hinterließen einen bleibenden Eindruck. Im Foyer oder auf dem Weg nach draußen tauschten sich viele Zuschauerinnen und Zuschauer offen über ihre Eindrückte aus. Es wurde über Figuren, Erzählweisen oder gesellschaftliche Hintergründe diskutiert, oft auch zwischen Menschen, die sich zuvor nicht kannten. Diese Offenheit machte deutlich, dass Film hier nicht konsumiert, sondern als kulturelles und gesellschaftliches Ausdrucksmittel ernst genommen wird.

Für mich als internationale Studentin boten diese spontanen Gespräche eine wertvolle Gelegenheit, meine eigenen Interpretationen mit anderen Perspektiven zu vergleichen. Durch den Austausch wurde mir bewusst, wie unterschiedlich Filme wahrgenommen werden können und wie stark individuelle Erfahrungen die Rezeption beeinflussen. Besonders bereichernd war es, Aspekte zu hören, die mir während der Vorführung selbst nicht aufgefallen waren.

Auch im Rahmen des begleitenden Seminars wurde diese kollektive Auseinandersetzung vertieft. Die gemeinsamen Diskussionen halfen mir dabei, Filme nicht nur auf einer emotionalen, sondern auch auf einer analytischen Ebene zu betrachten. Fragen nach filmischen Mitteln, Erzählstrukturen oder symbolischen Motiven rückten stärker in den Vordergrund. Dadurch erkannte ich, dass ein Filmfestival nicht nur ein kulturelles Ereignis, sondern zugleich ein wichtiger Lernraum sein kann, in der ästhetischen Erfahrung und akademische Reflexion miteinander verbunden werden.

Hinzu kam ein organisatorischer Aspekt: Die Vorführung von Rental Family fand in einem sehr großen Saal statt, in dem jedoch nur einfache Klappstühle ohne Höhenunterschied aufgestellt waren. Dadurch war die Sicht auf die Leinwand stellenweise eingeschränkt.

Gespräch mit dem Festivalleiter Dr. Sascha Keilholz 

Ein besonderes Highlight war der Besuch des Festivaldirektors Dr. Sascha Keilholz in unserem Seminar. Im Rahmen einer Fragerunde gewährte er spannende Einblicke in seine Arbeit. Besonders beeindruckte mich die Anzahl der Filme, die er jährlich sieht - umgerechnet mindestens zwei Filme pro Tag. Teilweise schaue er diese in doppelter Geschwindigkeit oder nur in Ausschnitten. Diese Aussage verdeutlichte, wie viel körperliche und mentale Energie notwendig ist, um ein Festival dieser Größenordnung zu kuratieren. Umso mehr schätzte ich im Nachhinein die hohe Qualität und Vielfalt der gezeigten Filme. 

Unser Gespräch mit dem Festivalleiter Dr. Sascha Keilholz

Eine äußerst bereichernde Erfahrung 

Insgesamt war die Teilnahme am Filmfestival Mannheim – Heidelberg für mich eine äußerst bereichernde Erfahrung. Dass ich während meines Auslandsstudiums an einem so etablierten und zugleich einzigartigen kulturellen Ereignis teilnehmen konnte, empfinde ich als großes Privileg. Auf einer persönlichen Ebene berührten mich insbesondere die vielen Filme, die sich mit Familie beschäftigten. Fern von Japan und getrennt von meiner eigenen Familie weckten sie ein gewisses Heimweh, führten mir aber zugleich vor Augen, dass es keine „richtige” oder „falsche” Form von Familie gibt. Familie ist niemals perfekt, sondern etwas, das sich mit der Zeit verändert. Eltern und Kinder wachsen, lernen und nähern sich einander Schritt für Schritt an.

Wenn ich im nächsten Jahr nach Japan zurückkehre, möchte auch ich versuchen, meinen Eltern ein Stück näherzukommen.

 

Über mich 

Mein Name ist Yanzu Wu und ich studiere Germanistik an der Dokkyo Universität in Japan. Ich bin seit März 2025 als Austauschstudentin aus Japan für ein Jahr an der Universität Heidelberg eingeschrieben. Meine Hobbys sind Gitarre spielen und Singen. Zu meinen bevorzugten Filmgenres zählen Komödien und Dramen, außerdem schaue ich häufig koreanische Produktionen.