Maria-Ramona Engl
Mein Filmfestival
Von fremden Ländern und Menschen
Eine cineastische Reise von Teheran bis Liverpool
Ein Filmseminar der anderen Art
Film ab! – Eröffnungsfilm: Inside Amir von Amir Azizi (Iran)
Nach anfänglichen „Platzkriegen“ kommt der ausgebuchte Saal schließlich doch zur Ruhe. Der Moderator begrüßt die Menge, einige Ehrengäste kommen zu Wort. Dann versinkt der Saal im Dunkel. Gespannt warten wir auf das, was kommt. Vor uns liegen zwei Festivalwochen, in denen wir uns an Filmen aus aller Welt „sattsehen“ können.
Auf der Leinwand schiebt eine Figur eine Wand beiseite, die sich in unzählige fluoreszierende Splitter auflöst: Das Festival ist offiziell eröffnet. Inside Amir heißt der Eröffnungsfilm, für mich eher: Outside Amir. Außer einem Einblick in überlanges Fahrradfahren auf den Schnellstraßen Teherans, habe ich nicht viel aus diesem Film mitgenommen. Das Tempo war wortwörtlich einschläfernd und so habe ich ungefähr ein Drittel davon verschlafen. Im Gespräch mit den Anderen stellte ich fest, dass ich nicht die Einzige war. Aller Anfang ist schwer? Doch von Nickerchen im Kino würde in den nächsten Tagen keine Rede mehr sein…
Meine Filme
Orphan von László Nemes (Ungarn)
Ungarn in den 50er Jahren. Der junge Andor lebt gemeinsam mit seiner Mutter in Budapest. Eines Tages taucht Berend auf – ein brutaler, motorradfahrender Metzger, der sich als Andors Vater vorstellt. Im Film erinnern rote Gegenstände immer wieder subtil an die Allgegenwärtigkeit des Kommunismus. Und so hat auch das Riesenrad die Form eines fünfzackigen Sterns. Dort bedroht Andor Berend am Ende mit einer Pistole.
Diese Endszene zusammen mit der furchteinflößenden Performance von Grégory Gadebois, der Berend verkörpert, hat mich noch lange beschäftigt. Der Film war aufwühlend, aber ästhetisch schön anzusehen, aber im Angesicht der Grausamkeiten fast ein wenig zu schön.
Adam’s Sake – L’intérêt d’Adam von Laura Wandel (Belgien, Frankreich)
Léa Drucker (Lucy) und Anamaria Vartolomei (Rebecca) verkörpern unglaublich starke Frauen, zwischen denen in der Hektik des Krankenhausalltags eine tiefe menschliche Beziehung entsteht.
Im Nachgespräch erzählte der Kameramann, dass Léa Drucker als Vorbereitung wochenlang den Krankenhausalltag beobachten durfte. Der Film selbst wurde in einem aktiv betriebenen Krankenhaus gedreht. Aber nicht nur dadurch wirken die eineinhalb Stunden erstaunlich echt. Durch die zeitdeckende Abfolge und One-Shot-Szenen erzeugt der Film vor allem eines: Nähe – Nähe zum Krankenhausalltag und Nähe zu den Menschen und ihrem Schicksal. Adam’s Sake berührt zutiefst und das ganz ohne Musik.
Reedland von Sven Bresser (Dänemark)
Zwischen verdächtigen Blicken und dem Ende, das wie ein Traktor auf uns zurollt: das Rauschen des Schilfs. Reedland ist ein Krimi der anderen Art. Der ältere Schilfbauer Johan findet eines Tages inmitten des Schilfs die Leiche eines jungen Mädchens. Mit wenig Dialog und eindringlichen Naturgeräuschen erzeugt der Film eine angespannte Atmosphäre. Hauptdarsteller Gerrit Knobbe, ein waschechten Schilfbauer, trägt den Film. Seine Blicke – sowie auch seine klobigen Hände bestechen durch ihre Glaubwürdigkeit. Er sagt nicht viel und man kann nur erahnen, was wirklich in ihm vorgeht.
Im Nachgespräch meinte Regisseur Sven Bresser, dass es ihm in seinem Film weniger um die Frage geht, wer denn schuld ist, sondern darum, was ein gewaltsames Ereignis mit einer Gemeinschaft macht.
Hola Frida von André Kadi und Karine Vézina (Frankreich, Kanada)
Mit farbenfrohen Animationen entführt uns der Film Hola Frida mit in Frida Kahlos Kindheit. Der Film bezieht Elemente aus dem Werk der mexikanischen Künstlerin ein und lässt Frida in ihren Träumen mit ihrem anderen Ich sprechen. Am Ende fliegen die beiden, verbunden durch ein goldenes Band in den Himmel. Dieses Filmerlebnis war vor allem eines: eine nostalgische Reise in die Kindheit – sei es im Film und auch im Großen Saal des Karlstorkinos mit einem sehr jungen Publikum.
The Summer Book von Charlie McDowell (Finnland, Vereinigtes Königreich)
Charlie McDowells The Summer Book ist die Verfilmung des gleichnamigen autobiografischen Romans von Tove Jansson. Oma, Sohn und Enkelin Sophia verbringen den Sommer auf einer finnischen Insel. Nur die Mutter fehlt. Der Vater pflanzt einen Baum, die Oma rückt mit ihrem Stock das Moos zurecht und Sophia verbringt die Tage im Freien. Ja, hier ist der vierte Protagonist die Natur selbst. Am Ende scheint es, als hätte der Sturm, den sich Vater und Tochter herbeigewünscht haben, die beiden wieder vereint.
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| "The Summer Book" - Sophie (Emily Matthews) und ihre Großmutter (Glenn Close) |
Der Film endet mit der Oma, die bei Sonnenaufgang zum Ufer geht, da sie denkt, der Bootsmann komme vorbei. Aber da ist kein Boot: „It’s not a boat. It’s your heart.“
Erst im Nachgespräch stellte sich heraus, dass dies ihr Tod war – so viel zur Notwendigkeit von Nachgesprächen. Was außer meinem Erstaunen darüber noch bleibt, sind die plätschernden Klänge der traumartigen Filmmusik von Hania Rani, die den Film zu einem ganz besonderen Kunstwerk machen.
Kokuho von Lee Sang-il (Japan)
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| "Kokuho" - Ryo Yoshizawa und Ryusei Yokohama als Kikuo und Shunsuke |
Ein filmisches Epos und ein dreistündiger Blick in die Welt eines japanischen Kabuki-Schauspielers in einem starren Netzwerk von Familiendynastien. Von der komplexen Beziehung zwischen ihm und seinem Schauspielpartner bis zum flüssigen Schnitt, der eine so lange Laufzeit erträglich, ja, sogar genussvoll macht – dieser Film war wirklich beeindruckend und war wie ein Echo einer meiner Lieblingsfilme: Lebewohl, meine Konkubine von Chen Kaige.
Kokuho beeindruckt vor allem durch die herausragenden Darsteller Ryo Yoshizawa und Ryusei Yokohama, die die Kraft des japanischen Theaters, die sogar über die Leinwand spürbar machen.
Blue Heron von Sophy Romvari (Ungarn, Kanada)
Blue Heron ist ein Familiendrama um einen schwer erziehbaren Sohn. Verschiedene Zeitstränge überlappen sich und so entsteht eine Zusammensetzung aus Erinnerungen, Aufarbeitung und Reflexion. Mich hat die Hauptdarstellerin leider überhaupt nicht überzeugt und der Schnitt war mir zu klobig. Deshalb war der Film trotz seines Doppelgewinns innerhalb der Preisverleihung nicht mein Favorit.
The Long Day Closes von Terence Davies (Vereinigtes Königreich, 1992)
Im Hintergrund einer Playlist der Nachkriegsjahre folgen Szenen überblendet aufeinander. Es ist wie ein Traum, in dem Erinnerungen und Musik in einem verschwommenen und berührenden Bild zusammenkommen. Man erlebt Liverpool in den 50ern, in dem an Neujahr die Nachbarschaft händehaltend Auld Lang Syne zum Besten gibt und Feuerwerk überflüssig wird. Ich verlasse den Kinosaal mit einem tiefen Mitgefühl für einen einsamen Jungen, der das Kino liebt: der perfekte Abschlussfilm auf meiner Liste.
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| "The Long Day Closes" - Bud (Leigh McCormack) im Kino |
Mein Lieblingsfilm: „The President's Cake" von Hasan Hadi (Irak, USA, Katar)
Die junge Lamia (Baneen Ahmad Nayyef) ist die „Auserwählte“. Sie darf den Kuchen zu Ehren von Saddam Husseins Geburtstag backen, so bestimmt es ihr Lehrer – der Saddam Husseins Zwillingsbruder sein könnte. Doch ihre Mission scheint im armen Irak der 90er Jahre nahezu unmöglich. Dennoch fährt sie gemeinsam mit ihrer Großmutter, bei der sie aufwächst, in die Stadt. Diese möchte sie bei Freunden unterbringen, da sie sich nicht mehr imstande sieht, für ihre Enkelin zu sorgen. Doch Lamia zieht mit ihrem Hahn im Arm los und begibt sich gemeinsam mit ihrem Freund Saeed (Sajad Mohamad Qasem) auf eine abenteuerliche Reise durch Bagdad – immer auf der Suche nach den Backzutaten.
Dafür schleppen sie auch mal kiloschwere Säcke, um im Gegenzug Eier zu bekommen. Doch als sie vor Erschöpfung nicht mehr können, spielen sie ihr Lieblingsspiel. Dabei schauen sie sich in die Augen und versuchen nicht zu blinzeln.
Man erfährt die volle Wucht des Spiels erst in der letzten Szene: Gerade als der Lehrer Lamias Kuchen probiert und ihre Leistung lobt, wird die Schule bombardiert. Alle Kinder kauern sich unter die Tische, die Köpfe am Boden. Doch Lamia und Saeed schauen sich in die Augen. Staub fliegt auf, Mauern bersten, aber die beiden Kinder schauen sich einfach nur an und versuchen nicht zu blinzeln.
Im Filmpublikum ertönt der Schrei einer Frau, der mir durch Mark und Bein fährt. Doch nicht nur deshalb wird mir dieser Film in Erinnerung bleiben. Regisseur Hasan Hadi hat einen Film geschaffen, in dem eine einfache und doch abenteuerliche Heldenreise im Schatten eines totalitären Regimes erlebbar wird. Und er zeigt, wie absurde Gebote eines Herrschers bis ins Klassenzimmer und in das Leben von Kindern wie Lamia und Saeed reichen.
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| "The President's Cake" - Lamia (Baneen Ahmad Nayyef) mit ihrem Hahn unter einem Bild Saddam Husseins. Lamias Großmutter (Waheed Thabet Khreibat) im Hintergrund |
The President’s Cake besteht aus Momenten wahrer Freundschaft, tiefberührender Tragik und einer Prise Humor – die beste Backmischung für einen Film, den man nicht so schnell vergisst.
Meine Veranstaltungen
Hinter den Kulissen bei „Meet the Directors“
In der Festival-Lounge Mannheim durfte ich bei der Veranstaltung „Meet the Directors“ einem Gespräch zwischen Thea Gaijić, Federico Cammarata und Juanjo Pereira lauschen. In Surviving Earth arbeitet Thea Gaijić ihre Familiengeschichte auf, Under the Flags, the Sun dokumentiert Paraguays Diktatur mit bislang unveröffentlichtem Archivmaterial und Waking Hours begleitet Schmuggler, die Flüchtlinge über den Balkan schleusen. Obwohl ich keinen der drei Filme gesehen hatte, war das Gespräch dennoch spannend. Es wurde über die Produktionsumstände, gesellschaftliche Themen der Filme und die Finanzierung der Filme gesprochen. Federico Cammaratas Film war beispielsweise noch gar nicht finanziert. Am Ende meinte er nur, dass er sich bei fehlender Förderung wohl einen anderen Job suchen müsse. Am Ende entscheiden wohl Leidenschaft und Glück, ob es weitergeht.
Beides war den
Preisträger/innen der Award Ceremony gegeben. Nachdem alle einmal über das
holprig klingende I-F-F-M-H gestolpert waren, wurden unter viel Applaus Filme
in unterschiedlichen Kategorien prämiert. Es war ein Abend voller Lobreden,
Preisen und Tränen. Aber vor allem war es ein Abend zu Ehren all der Arbeit,
die Filmemacher/innen in ihre Filme stecken.
Auch im Gespräch mit Sascha Keilholz, dem Chef des Filmfestivals, wurde mir die große Leistung, die hinter den Kulissen stattfindet, nochmal bewusst. Wir erfuhren einiges über das, was abseits des laufenden Festivals passiert – von der Sichtung der Filme für das Festival, über die Finanzierung bis zu den Auswahlkriterien. Zuletzt geht es ihm nicht darum, dass ein Film die Zuschauer in ihren Meinungen bestätigt, sondern dass er Neues aufzeigt und unseren Blick weitet.
| Im Gespräch mit Festivalleiter Dr. Sascha Keilholz (Mitte) |
Jeder Film eine Tür
All diese Filme aus den unterschiedlichsten Ländern waren auf ihre Weise einzigartig und besonders. Oft waren Kinder die Protagonisten. Sie handelten von Geschichten über das Schicksal von Kindern, wie in Adam’s Sake oder Blue Heron, Geschichten in denen Kinder mutig und selbstbewusst sind, wie in Orphan und The President’s Cake oder in denen Kinder eine Brücke zwischen Generationen bilden, wie in The Summer Book. Hola Frida und The Long Day Closes erzählen von Kindern, die im Angesicht von Einsamkeit Trost in ihren Leidenschaften finden. Doch alle Filme handelten „Von Fremden Ländern und Menschen“, die mir am Ende nicht mehr fremd, sondern vertraut waren.
Eine filmische Weltreise
Ich mag zwar nicht die Gelegenheit oder die Mittel haben, in alle Länder der Welt zu reisen, aber ich durfte eine filmische Weltreise unternehmen – über Zeit und Raum hinweg. Ich war mit Amir auf dem Fahrrad, bin durch die Straßen Budapests der 50er Jahre gerannt und war dabei, als Schauspieler auf der Bühne des Kabukitheaters an ihre Grenzen gingen.
Jeder Film ist eine Tür in eine neue Welt und ich bin dankbar für jede, die ich beim IFFMH öffnen durfte.
Über mich
Ich heiße Maria-Ramona Engl, bin in Südtirol (Italien) aufgewachsen und studiere zurzeit Anglistik und Germanistik im Kulturvergleich (B.A.) in Heidelberg. Wenn ich nicht gerade ins Kino gehe, dann drehe und schneide ich selbst kleine Filme.
Was ich an Filmen
liebe, ist, dass sie mit Bildern kommunizieren. Denn dort, wo die Sprache
aufhört, fangen die Bilder an zu sprechen.







