Lars Ivan Sæverud Hebbelstrup
Mein Filmfestival
Unersetzbare Filmerlebnisse
Ich muss zugeben, dass ich während des 74. „Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg“, dieser jährlich 10-tägigen Veranstaltung, wo hoffnungsvolle Regisseure und Regisseurinnen die Chance haben, ihre nagelneuen Werke und Experimente einem breiteren Publikum vorzustellen, dass ich mich also bei diesem „Newcomer-Festival“ fast ausschließlich mit Filmen aus der Sektion „Retrospektive“ beschäftigt habe… Das heißt: mit alten, schon kanonisierten Filmen… Es zeigt sich, dass ich ziemlich konservativ bin, was Filmerlebnisse angeht! Ich gehe vorsichtig in der Filmwelt vor: Mir ist bange davor, beim Sehen eines Films enttäuscht zu werden, und deshalb beruhigt mich das Wissen über die Filme der Retrospektive, dass sie schon Klassiker und vom Komitee des Festivals kuratiert worden sind.
Meine Filme - die neuen
Also saß ich immer ganz nah am grünen Exitschild, wenn ich ausnahmsweise der Angst vor dem Neuen trotzte und mich ins Dunkel des Kinosaals begab, um einen der modernen Filme zu sehen. Aber Sie haben wahrscheinlich schon erraten, dass ich glücklich überrascht wurde von (fast) allen neueren Filmen, die ich trotz aller Vorbehalte gesehen habe. Meine Eindrücke zu einigen dieser Filme werde ich Ihnen nun schildern:
Nighttime Sounds
Den Film Nighttime Sounds von Zhang Zhongchen fand ich, übrigens in Übereinstimmung mit der Jury des Festivals, wirklich hervorragend. Er zeigte mir eine Seite und Perspektive von China, die ich mir nie vorgestellt hatte – die Perspektive eines kleinen Schulmädchens in einem chinesischen Vorort vor etwa 20 Jahren. Der Soundtrack des Filmes – der Wind im Weizen, das nächtliche Feuer und die Schullieder von den Kindern gesungen – wird hoffentlich lange bei mir bleiben.
Den Sidste Viking
Die Filmprojektion, bei der ich aber die größte Diskrepanz zwischen mir und dem übrigen Filmpublikum erlebte, war komischerweise die Projektion von Den Sidste Viking, dem neuen Film des dänischen Topregisseurs Anders Thomas Jensen. Nie habe ich einen Saal so voll gesehen (im Heidelberger „Karlstorbahnhof“), und nie hat ein Publikum so viel und so herzlich gelacht wie da - von Anfang bis Ende des Filmes. Auf jede Replik wurde mit so einer Lachsalve geantwortet, dass es kaum zu glauben war. Manche lachten so sehr, dass dabei weinen mussten. Ich weiß es wirklich nicht …: Einerseits ist es ja immer irgendwie schön für mich als Däne, wenn ein Film in meiner Muttersprache ein großer Erfolg wird, aber andererseits hege ich eine Abneigung gegenüber Anders Thomas Jensen und seiner festen Gruppe von Schauspielern und Schauspielerinnen. Ich finde den Humor und den ästhetischen Ausdruck seiner Filme schlecht, ich habe ihn einfach satt. Dazu kommt, dass er alle die Fördermittel schnappt, die es in Dänemark gibt und es damit für die jungen Filmschaffenden schwierig macht, eine Finanzierung zu finden. Nun, das war es mit meinem Meckern. Ich sah einen dritten neuen Film, den werde ich aber in einem späteren Abschnitt behandeln.
Meine Filme - die alten
Jetzt zu den älteren, melodramatischen Filmen, von denen ich neun gesehen habe: Das Thema für die Retrofilme dieses Jahr war „Melodrama“, ein Genre, mit dem ich vorher nie richtig Bekanntschaft gemacht habe, und ich gestehe, dass ich diesem Thema zuerst eher skeptisch gegenüberstand. Noch einmal wurden meine negativen Erwartungen aber widerlegt:
All That Heaven Allows
Vom ersten „Melofilm“, den ich sah, nämlich Douglas Sirks All That Heaven Allows (1955), war ich gefesselt und lebte mich in die zärtlichen „What might the people say?“-Problemstellungen hinein. Die dramatischen Spannungen zwischen der Liebe und der Gesellschaft waren keinerlei überholt, auch nicht in …
Mildred Pierce
…, einem Film aus dem Jahr 1945 - der Alterspräsident des Festivals. Die Konflikte und Reflexionen in dem Film von Michael Curtiz kamen mir nicht als veraltet und befremdend vor. Na gut, zwar gab es in manchen der Filme aus der Retrospektive Szenen, die man heute nicht drehen könnte – Gewalt gegen Frauen, soziale Kontrolle und Rassismus tritt in einigen Szenen ganz unmerklich vor, ohne dies zu problematisieren. Man merkt, wie sich unsere Aufmerksamkeit auf Ungerechtigkeit und soziale Konflikte entwickelt hat, in eine sympathische Richtung. Also, man wird nicht gerade zu einem Nostalgiker oder einer Nostalgikerin während des Schauens eines älteren Melodramas, nein, man bedankt sich ein bisschen dafür, diese Gesellschaft und Kultur, die in den Filmen der Vierziger- und Fünfzigerjahren dargestellt wird, irgendwie verlassen zu haben.
Ein unverhofftes Highlight: Die Schatzkammer der Plakate
Ich kam aber nicht nur von dem Festival reicher in Geist und Kultur, es gelang mir auch, einige materielle Souvenirs zu ergattern: In einem der Kinos (das jetzt nicht genannt werden soll) kam ich gegen Ende des Festivals mit einigen der Kinomitarbeiter und Kinomitarbeiterinnen ins Gespräch. Ich äußerte, dass ich sehr an alten Filmplakaten interessiert sei und ob es nicht welche gebe, die ich kaufen könnte? Schnell wurde ich in ein kleines Hinterzimmer geführt, wo ein sehr netter, älterer Herr mich in Empfang nahm. In diesem Raum, wo er seit beinahe fünfzig Jahren als Verantwortlicher für die Plakate arbeitet, lagen in allen Ecken Rollen von Plakaten, die Wände waren mit Filmpostern zugepflastert, mit mehreren Schichten wahrscheinlich, und alle Schubkästen archivierten Plakate von schon längst vergessenen Filmen. Als ich versuchte, mir nur einen Eindruck von diesem Reichtum zu verschaffen, fragte der Hüter der Plakate mich, was für Filme des Festivals mich am meisten beeindruckt hätten. Da ich ein bisschen verblüfft dastand, stotterte ich einfach die drei ersten Titel, die mir gerade einfielen: Cairo Station von Youssef Chahine, Rosa la Rose, Fille Publique von Paul Vecchiali und einen der neuen Filme, What Does That Nature Say To You des südkoreanischen Regisseurs Hong Sangsoo. Rekordverdächtig schnell fand der Herr die Poster dieser drei Filme, rollte sie zusammen und fixierte sie mit einem Gummiband und überreichte sie mir. Er wollte keine Bezahlung für die Poster haben. Mit einem munteren Schulterklopfen führte er mich nun allerhöflichst aus dem Hinterzimmer. Ein wenig erstaunt fuhr ich mit der Straßenbahn nach Hause, um meine neuen Souvenirs auszupacken.
What Does That Nature Say To You
Jetzt ist meine Studentenwohnung, meine kleine Kammer im Neuenheimer Feld, mit den Souvenirs des Festivals geschmückt: Über meinem Bett schwebt der Protagonist aus dem superkomischen Film What Does That Nature Say To You, im Begriff, eine Blume in der Nacht mit seiner Handylampe zu erleuchten. Dieser Film von Hong Sangsoo war für mich eine der schönsten Überraschungen von den neuen Produktionen. Ich kannte den Regisseur gar nicht. Er soll aber fleißig wie eine Biene sein, das hat man mir erzählt – nicht selten produziert er drei Filme innerhalb eines Jahres. What Does That Nature Say To You handelt von der verdorbenen Kommunikation zwischen Menschen und Alkohol, und das Geschehen befindet sich immer an der Grenze des Kippens in schiere Ungeschicklichkeit. Ein schöner Film, und ich freue mich darauf, Bekanntschaft mit den anderen seinen Filmen zu machen.
Cairo Station - Mein größtes Filmerlebnis des Festivals
Über meinem Schreibtisch hängt aber das Plakat von Youssef Chahines Cairo Station (1958), mein vielleicht größtes Filmerlebnis des Festivals. Dieser ägyptische Schwarzweißfilm greift modernen Motiven und Typen wie der “Incel”-Figur vor: der einsame Mann, der aus sexistischem Ressentiment und bitterem Berührungshunger Frauen schikaniert und angreift. Und eine Messerszene genau wie die aus Hitchcocks Psycho kommt vor, obwohl Psycho erst zwei Jahre später gedreht wurde! Der Film stellt auch die ägyptische Frauenemanzipationsbewegung dar, überhaupt spielen die Frauen und Mädchen eine große Rolle – sie formen eine Gruppe von findigen Robin-Hood-esken Wasserdiebinnen, die in leeren Eisenbahnwagen und zwischen den Bahnkörpern wohnen.
Ein Bahnhof als Szenographie für die moderne Welt - Stillstand und Bewegung, Richtung und Desorientierung greifen ineinander, treffen sich
Cairo Station ist nämlich ein ortsgebundener Film, das heißt, er spielt nur im Bahnhof von Kairo. Ein Bahnhof bietet eine sehr interessante Szenographie für die moderne Welt, wo Stillstand und Bewegung, Richtung und Desorientierung, ineinandergreifen und sich treffen. Eine bestimmte Szene in dem Film brachte mich fast zum Weinen: Die Bahnhofgaunerinnen tanzen lächelnd durch einen vollen Waggon und verteilen Pepsi-Cola an die Fahrgäste. Eine Gruppe von vermutlich britischen Soldaten spielen Gitarre, Harmonika und Kontrabass und alle lachen und tanzen in ein paar Minuten. Man vergisst, dass sie überhaupt Schauspielerinnen sind, alles sieht so authentisch aus, tief gefühlt.
Rosa la Rose, Fille Publique
Ich freue mich auch sehr über mein drittes Plakat, dasjenige von Rosa la Rose, Fille Publique von Paul Vecchiali (1986), ich werde es aber nie an meine Wände hängen. Obwohl der Film super war, und ich würde ihn gern noch einmal sehen – trotz alledem wird das Plakat nie an meinen Wänden hängen, weil es schlechthin semipornographisch ist, und ich würde mich tatsächlich schämen, Besucher oder vielleicht Besucherinnen zu empfangen in einem Raum, der in der Ausschmückung eher dem Rekreationsraum einer Bohrinsel ähnelt als einem Studentenzimmer. Deshalb ist und bleibt dieses, mein drittes Plakat sicher zusammengerollt in einer Schublade verstaut. Das ist wirklich schade, weil es mir gelang, die Hauptdarstellerin des Filmes, Marianne Basler, nach der Projektion zu begrüßen und ihr für den hervorragenden Film zu danken!
Breaking the Waves – Ein Schock
Es war fantastisch!
Wenn ich hier am Ende sowohl die Dunkelheit des Kinosaals als auch die Einsamkeit meines Studierzimmers verlassen soll, um ein paar Worte über mein Gesamterlebnis beim Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg zu äußern, muss ich allerdings sagen, wie fantastisch es war! Auch allerlei Bekanntschaften in Zusammenhang mit den Vorführungen zu machen – Zum Beispiel traf ich bei Cairo Station eine nette ältere Frau, die mir viel über den Regisseur Youssef Chahine erzählte (auch während des Filmes), und dieselbe nette Frau traf ich am nächsten Tag zufälligerweise in einem Antiquariat wieder und dann ein paar Wochen später noch einmal im Karlstorkino bei Butch Cassidy and The Sundance Kid.
Also habe ich während des Festivals unersetzbare Filmerlebnisse, drei Plakate und eine neue Freundin gewonnen. Das muss man einen Erfolg heißen.
Über mich
Hallo! Ich bin Lars Ivan aus Dänemark, und ich studiere in Heidelberg Germanistik. Ich kenne nichts Besseres, als ganz vorne in einem Kinosaal zu sitzen, ausgestattet mit reichlich Schokolade. Ich bin glücklich, dass ich das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg zu einem Teil meines Erasmusaufenthaltes machen konnte und hoffe, dass ich nach Heidelberg zurückkommen kann.



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