Marie Louise Böhm

 

Mein Filmfestival

"Ich verstehe, ich fühle das auch."

Ich gehe in meiner Freizeit gerne mit Freunden ins Kino. Einerseits, weil ich die Kunst der Kinematografie um ihrer selbst willen schätze, andererseits aber auch, weil es mir ungemein Spaß macht, nach den Vorführungen mit anderen über die Filme zu sprechen. Zwei Menschen können denselben Film zur selben Zeit am selben Ort sehen und mit zwei völlig unterschiedlichen Eindrücken aus dem Kinosaal gehen. Diese Unterschiede zu entdecken, macht mir teilweise mehr Freude als das Sehen der Filme selbst, wenn ich ehrlich bin. 

Filme sehen - und darüber sprechen! 

Dementsprechend war für mich ein besonderer Aspekt des diesjährigen Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg (IFFMH) nicht nur die große Auswahl an Filmen, sondern auch die Eindrücke anderer Kinobesucher. Während ich beispielsweise „Wild Foxes“ sah, musste der Mann neben mir an exakt derselben Stelle gespannt tief einatmen, „All That Heaven Allows“ verursachte im Publikum dagegen einige romantische Seufzer, die ich selbst nicht wirklich nachvollziehen konnte. Nach „Zwei Staatsanwälte“ kam ich an der Bushaltestelle mit einer Kinobesucherin ins Gespräch, die auf ganz andere Aspekte des Films geachtet hatte als ich - während ich die atmosphärischen Drehorte und Kostümgestaltung bewunderte, war sie völlig von den Tiefen der geschilderten politischen Intrigen gefesselt. Jeder einzelne Besucher hat vom selben Film einen ganz eigenen Eindruck - genau das macht gutes Kino auch aus, finde ich.

Da ich schon am Anfang beschloss, das Angebot des IFFMH so sehr auszunutzen wie nur irgend möglich, war mein Stundenplan während der Festivalzeit ziemlich voll. Gleichzeitig musste ich außerdem meinen Uni-Alltag balancieren. Meist war ich abends unterwegs und kam teilweise nur zum Schlafen nach Hause. Im Nachhinein war es eine sehr stressige Zeit, aber das habe ich gern in Kauf genommen. Diese Erfahrung war jeden Stress wert.

Meine Filme und meine kleine Bewertungs-Skala

Während der 10 Tage des Festivals habe ich meine Freunde per Smartphone auf dem Laufenden gehalten. Welche Filme habe ich heute geschaut? Waren sie gut? Wie war das Popcorn? Und was habt ihr so gemacht? Der übliche Chat, aber diesmal mit einem Tick Filmkritik.

Immer wieder vertrieb ich mir die Wartezeit an Haltestellen oder schon im Kino des nächsten Films damit, ihnen kleine „Movie Reviews“ zu schicken.

Dafür habe ich extra eine kleine Filmbewertungs-Skala von 1 bis 10 entwickelt. Im Nachhinein betrachtet war das ziemlich nützlich, um bei all den Filmen den Überblick zu behalten, bei 11 Filmen kommen schließlich einige Eindrücke zusammen.

Ich bin im Allgemeinen sehr zufrieden mit den Filmen, die ich mir ausgesucht hatte. Es war kein einziger Kinobesuch dabei, den ich bereut habe. Am ehesten vielleicht noch den koreanischen Film „What Does That Nature Say to You“, aber nicht weil ich ihn (zugegebenermaßen) nicht besonders gut fand, sondern weil ich ihn direkt vor einem anderen Film sah und für diesen fast zu spät im nächsten Kino angekommen wäre. Tja… 

 Hier ist sie nun, meine Bewertungs-Skala, in die ich meine Filme eingeordnet habe:

 

 

Meine Filme

1

Aktive Verschwendung von Lebenszeit

 

2

Was haben sich die Filmemacher nur dabei gedacht?

 

3

Das ist wirklich kein guter Film!

 

4

Es ist wahrscheinlich der Geschmack von irgendjemandem, aber meiner ist es nicht.

„What Does That Nature Say to You”

5

Ein Film.

„Therapie für Wikinger“

6

Recht gut. Sollte ich beim TV-Kanalwechsel über diesen Film stolpern, würde ich nicht umschalten.

„Reedland“

7

Ein guter, solider Film. Ich würde ihn jemandem weiterempfehlen, wenn es dessen Geschmack treffen würde.

„Blue Heron“

„All That Heaven Allows“

„Inside Amir”

8

Ein guter Film, den sehr viele Leute mögen würden. Würde ich weiterempfehlen, aber vielleicht selbst nicht mehr als einmal sehen wollen.

„Teresa – Ein Leben zwischen Licht und Schatten“

9

Ein sehr guter Film, den ich weiterempfehlen würde. Er hat irgendetwas, was ihn besonders macht und über das man noch lange denken muss.

„Kokuho“

„Wild Foxes“

„Zwei Staatsanwälte“

10

Ein unglaublich guter Film, den ich jedem weiterempfehlen würde. Ein Meisterwerk, das man immer wieder sehen kann und trotzdem jedes Mal etwas Neues entdeckt.

„September 5“

Meine Ansprüche für einen „10/10-Film“ sind ziemlich hoch. Ich hatte nicht erwartet, dass so viele der Filme auch nur in die Nähe dieser Auszeichnung kommen würden. Tatsächlich gibt es aber einige Filme, die es auf eine 9/10 geschafft haben.

 

Zwei Staatsanwälte“ besticht mit einer unheimlichen Atmosphäre, die in jeder einzelnen Szene den Zuschauer geradezu aus der Leinwand heraus anzustarren scheint.

Alle Aspekte des Films, vom Kostümdesign bis hin zur Wahl der Drehorte, tragen eine enorm düstere, bedrückende Tiefe in sich, die selbst in Horrorfilmen selten so ausdrucksstark auf der Leinwand erscheinen. Für diese Geschichte über die Intrigen der sowjetischen Geheimpolizei unter Stalin, in die sich ein junger Staatsanwalt immer weiter verwickelt, ist das genau das Richtige. 

Kokuho“ ist dagegen ein toller Einblick in einen Teil der japanischen Kultur, von dem man normalerweise auf dieser Seite des Globus wenig mitbekommt. 

Der Film erzählt die Lebensgeschichte eines herausragenden Kabuki-Schauspielers, 40 Jahre erzählt in drei Stunden Spielzeit. Seine zwischenmenschlichen Beziehungen, aber auch die Hingabe zur Kunst wird so einfühlsam und intensiv gezeigt, dass man auch ohne irgendeine Vorkenntnis selbst anfängt, Kabuki zu verehren.


Eine Wildcard war für mich der Film „Wild Foxes“, den ich eigentlich eher durch Zufall gesehen habe.

Ich hatte gerade einige Stunden Zeit und war sowieso im richtigen Gebäude, also ging ich spontan in die Vorstellung. Ich bin sehr froh, dass ich das gemacht habe, denn „Wild Foxes“ ist eine genial erzählte Geschichte über Freundschaft, Rivalität und die Leidenschaft zum Sport. Ein junger Boxer erlebt nach einem schweren Unfall psychische Probleme wegen seines Leistungsabfalls, was sich auf seine Freundschaft mit seinem besten Freund auswirkt. Mit 90 Minuten Spielzeit war es einer der kürzesten Filme des Festivals, was ihm durch das schnelle Erzähltempo und actiongeladene Einstellungen aber rein gar nichts nimmt. 

Diese drei herausragenden Filme werden aber noch übertrumpft von meinem persönlichen Lieblingsfilm des Festivals. 

  
Mein Lieblingsfilm: „September 5“

Diesen Film finde ich so überwältigend und so genial gemacht, dass er es auf meiner  Skala auf ganze 9.5/10 geschafft hat - eine Leistung, die nur von meinem persönlichen Lieblingsfilm übertrumpft wird.  

„September 5“ handelt von dem Terroranschlag auf das israelische Team während der Olympischen Spiele 1972. Der Clou des Films ist, dass die Geschehnisse aus der Perspektive des ABC Sport-Fernsehteams gezeigt werden, das damals die Ereignisse im olympischen Dorf live im Fernsehen übertrug. Es ist ein extrem beeindruckender Film, der Emotion und Spannung auf eine so realistische Art auf die Leinwand bringt, wie ich das lange nicht mehr gesehen habe. Der Film hat seine neun Filmpreise und die Oscarnominierung völlig verdient. Eine Glanzleistung an allen Fronten mit einer enormen Hingabe zu Details, die absolut überzeugen. Besonders die historisch akkuraten Set-Designs finde ich beeindruckend. 

Allerdings muss ich zugeben: Vielleicht hätte es dieser Film nicht auf eine 9.5, sondern „nur“ eine 9 geschafft, wenn ich nicht direkt im Anschluss die Masterclass mit einem der Drehbuchautoren des Films, Moritz Binder, miterlebt hätte. 

Binder gab einen Einblick in so viele spannende Details zum Film, vom ersten Entwurf des Drehbuchs bis zu den spontanen Änderungen während der Dreharbeiten, dass ich hinterher noch viel beeindruckter von der Arbeit war, die in dieses Meisterwerk geflossen ist. 

Allein die Sicherung der Rechte zur Benutzung von originalem Bildmaterial - dem Thema entsprechend unabdingbar - war schon ein enormer organisatorischer Aufwand. Am Ende mussten ihnen sogar Originalaufnahmen geliefert werden, aus denen dann erst ein entscheidender Punkt im Plot ersichtlich wurde. Man musste das Drehbuch umschreiben, um diese unerwartete Wendung noch mit einzuarbeiten. Und das gerade einmal wenige Tage vor Beginn der Dreharbeiten!

Mein Highlight des IFFMH 2025: "Meet the Directors" 

Gleich zu Anfang des Festivals, am Samstag, dem 8. November, habe ich etwas ziemlich Cooles erlebt. Zusammen mit einer Freundin, die wie ich den Filmkurs von Herrn Bürkert besuchte, ging ich zur Festival Lounge in Mannheim für das Event „Meet the Directors“. 

Dieses Event ist ein Format, das für das IFFMH erst dieses Jahr neu eingeführt wurde. Drei verschiedene Regisseure, deren Filme auf dem Festival zu sehen waren, wurden in der Festival Lounge in Mannheim zu ihren Werken interviewt. Es herrschte eine angenehm entspannte Atmosphäre, deutlich persönlicher als es in einem Kinosaal der Fall gewesen wäre. 

Die drei Regisseure haben sehr unterschiedliche Filme erschaffen, haben aber gleichzeitig auch genug Ähnlichkeiten, um ein interessantes Gruppengespräch auf der Bühne gewährleisten zu können. 

„Meet the Directors“ mit Marcel Lemmer (Moderation), Thea Gajić, Juanjo Pereira und Federico Cammarata (von links nach rechts).

„Meet the Directors“ fand ich so interessant, dass ich mir gleich sechs Seiten Notizen gemacht habe. Vielleicht ist die Menge an Notizen einer Berufskrankheit geschuldet, denn ich bin freie Mitarbeiterin bei der Rhein-Neckar-Zeitung. Aus den sechs Seiten wurden ein Tag und ein Interview mit dem Festivaldirektor Dr. Sascha Keilholz, später auch tatsächlich ein Zeitungsartikel. 

Herr Dr. Keilholz hatte sich, obwohl er als Hauptorganisator natürlich sehr viel zu tun hatte, extra ein paar Minuten Zeit für mich genommen, als ich ihm am nächsten Tag bei einem Panel zum Thema „Große Gefühle im Melodrama“ anlässlich der Retrospektive begegnete. Die Einblicke zur Organisation des Events waren wirklich interessant. So erfuhr ich zum Beispiel, dass bei der Auswahl der Regisseure extra darauf geachtet wurde, drei Menschen mit ausreichend Ähnlichkeiten zu finden, um einen regen Austausch der Regisseure untereinander zu ermöglichen. 

Das Ziel war also nicht nur, dem Publikum einen intimen Einblick in das Schaffen der Filmemacher zu ermöglichen, sondern diese auch untereinander besser zu vernetzen. Darüber macht man sich als Besucher eines solchen Events normalerweise keine Gedanken, aber natürlich macht es Sinn: Das Filmfestival ist nicht nur für Besucher ein Highlight, sondern auch eine tolle Chance für Filmschaffende. 

Nach dem Interview fand ich noch etwas Zeit, wenn auch nur eine Stunde, um den am Vortag schon begonnenen Text fertigzustellen. Der Artikel entstand also relativ spontan, für mich ungewöhnlich. Aber da er schon geschrieben war, schickte ich ihn auf gut Glück an die Redaktion. Ein paar Tage später wurde er tatsächlich gedruckt, und ich habe meinen Artikel bei der Award Ceremony am darauffolgenden Donnerstag in einer Collage von Pressetexten zum Festival entdeckt. Es war eine etwas bizarre, aber auch erfreuliche Erfahrung, meine eigene (wenn auch kleine) Leistung während dem Festival anerkannt zu sehen.

Melodrama, das ist, was Menschen wirklich bewegt

Ich muss gestehen, dass ich vor Beginn des Festivals Vorbehalte hatte. Nicht, dass ich die Chance nicht geschätzt habe, an so einer besonderen Veranstaltung teilnehmen zu können - vielmehr machte ich mir Gedanken über das diesjährige Thema der Retrospektive. „Melodrama“. Das ist nicht unbedingt ein Genre, mit dem ich mich in meinem Privatleben gern befasse. Ich assoziiere damit eher übermäßig schnulzige Schwarz-und-Weiß Filme und fast ans Surreale grenzende Plot Twists in Telenovelas als Filme, die mich ins Kino locken würden. Mittlerweile kann ich aber ehrlich sagen, dass ich damit falsch lag.

Melodramen, das sind große Emotionen. Die Gefühle der Charaktere, ob nun Liebe, Hass oder irgendetwas anderes, aber auch die Gefühle des Publikums. Melodrama, das ist, wenn man sich während des Films unauffällig die Tränen aus den Augen wischen will, nur um festzustellen, dass der Nebenmann ebenfalls weint. Wenn der ganze Saal zum Höhepunkt gleichzeitig gespannt die Luft anhält. Wenn jemand aufschreit, weil ihn der Terror auf der Leinwand selbst überwältigt.

Das IFFMH 2025 war ein ganz besonderes Erlebnis für mich

Während des Festivals gab es immer wieder Momente, in denen ich mit anderen Menschen auf eine Art und Weise in Kontakt kam, wie man es selten erlebt. Eine Art Brüderlichkeit, die entsteht, wenn der halbe Saal mit einem Lächeln auf den Lippen das Kino verlässt und man sich gegenseitig noch einen letzten wissenden Blick zuwirft, bevor sich die Wege trennen. Ein unausgesprochenes „Ich verstehe, ich fühle das auch“. 

Um es auf den Punkt zu bringen: Das IFFMH 2025 war für mich ein ganz besonderes Erlebnis. 

 
Über mich

Hallo, mein Name ist Marie Böhm und ich studiere momentan Germanistik im Kulturvergleich und Anglistik im Nebenfach an der Universität Heidelberg. In diesen Fächern hat man viel Kontakt mit Menschen mit allen möglichen kulturellen und sprachlichen Hintergründen, was mir sehr gefällt. Ich finde, dass man nicht nur durch Gemeinsamkeiten, sondern auch durch Unterschiede zwischen Kulturen immer wieder lernen kann. 

In meiner Freizeit lese ich unglaublich gern, besonders von den Werken Arthur Conan Doyles, Sir Terry Pratchetts und Ferdinand von Schirachs bin ich in letzter Zeit angetan. Ins Kino gehe ich auch gern. In Heidelbergs zwei kleinen Arthouse-Kinos Gloria und Kamera bin ich oft zu Gast